FlatPress My FlatPress blog FlatPress Admin 2021 2021-12-09T08:29:47+00:00 Admin ~/ Kapitel IV ~/?x=entry:entry210830-122459 2021-08-30T12:24:59+00:00 2021-08-30T12:24:59+00:00

Die ersten Herbstwinde fegten über das Land, während sich Thorvid auf den Weg zum Wall begab. Die See war rau, und einige der Knappen und Rekruten hingen über der Reling, um ihren Magen zu entleeren. Für einen Nordmann wie Thorvid war so eine Schifffahrt nichts Neues. Seit seiner Kindheit kannte er die See und ihre Tücken. Sein Vater sagte immer, dass das Meer wie eine Frau sei. Mal sanft und ruhig, mal aufbrausend und wild. Dem konnte er nur beipflichten.
Aus der Ferne konnte Thorvid die bunt gefärbten Wälder Mittlands sehen, die eine ungewohnte Idylle ausstrahlten, während das Schiff von einer Seite zu anderen geschaukelt wurde. Bald, so hoffte er, würde er ein vollwertiges Mitglied des Ordens sein. Danach würde ihm etwas mehr Freiraum bleiben, seine Pläne zu verfolgen. In der Zwischenzeit betete er, dass seine Schwester eine warme Bleibe gefunden hatte. Es würde nicht mehr lange dauern, bis der erste Schnee fiel, sodass ein Leben auf der Straße umso gefährlicher werden würde. Er wollte sie nicht frierend in einer Gasse wissen, während er genug zu essen und ein Bett besaß. Im Inneren betete er deshalb zu Athan und fuhr sich über seinen rechten Unterarm. Auf diesem ruhte die Tätowierung des Ordens. Anders als bei den anderen, die jene auf dem linken Unterarm trugen. Aber als Nordmann war er bereits an vielerlei Stellen durch seinen Glauben und seine Taten tätowiert worden.
„Du siehst nachdenklich aus“, sagte Ulrik und trat neben Thorvid.
„Sehe ich das nicht immer?“, entgegnete der Prinz und sah einigen Möwen hinterher, die sich über die Hinterlassenschaften der Rekruten hermachten.
„Ja, aber immer, wenn du deine Brauen kraus ziehst, ist das meist ein Zeichen dafür, dass irgendein Unheil aufzieht.“
„Ich denke gerade an die Zukunft“, erklärte Thorvid, und Ulrik brummte zustimmend.
„Und an deine Schwester, vermute ich.“
Thorvid nickte.
„Deine Besessenheit von ihr fasziniert mich immer wieder. Ich meine, ich habe selbst zwei ältere Schwestern und einen jüngeren Bruder, aber wir sorgen uns bei Weitem nicht so um einander.“
„Das liegt vielleicht daran, dass ich, wenn ich meine Schwester ansehe, in das Gesicht einer Göttin sehe“, murmelte Thorvid, nicht sicher, ob er das hätte sagen sollen.
Ulrik sah ihn musternd von der Seite an. „Einer Göttin?“, hakte der Hüne nach, und lachte kurz. Vermutlich hielt er die Äußerung von Thorvid für eine Übertreibung, aber dieser nickte. Er fragte sich, ob es gut wäre, sich jemanden anzuvertrauen. Sir Richard hatte ihm häufiger klargemacht, dass er für seinen Weg Verbündete brauchte, und nach den anfänglichen Schwierigkeiten mit dem angehenden Vollstrecker, hatte Thorvid das Gefühl, Ulrik vertrauen zu können. Gerade, weil Ulrik eine sehr direkte Art besaß – vor allem mit seinen Fäusten. Man wusste immer, was er dachte. Und es konnte nie schaden, einen des schwarzen Banners auf seiner Seite zu wissen.
Thorvid seufzte. „Sie sieht jemanden sehr ähnlich. Es gibt ein Bild einer Frau, die für meine Familie sehr wichtig war, und meine Schwester wirkt, als habe Xhar ihren Geist Athan übergeben, damit sie in den ewigen Fluss zurückkehren kann.“
„Als sei sie auferstanden?“, fragte Ulrik, und wieder nickte Thorvid.
„Ich habe dieses Gefühl in meinem Inneren, dass sie … wichtig ist. Zu wichtig, um sie das Leben einer normalen Herzogstochter führen zu lassen. Das Leben einer politischen Ware, die an alte Männer mit hängenden Eiern verkauft wird.“
Ulrik atmete schwer durch. „Ein Grund mehr für mich, nicht zu eurem Kreis gehören zu wollen. Bei euch wird viel zu sehr darauf geachtet, was das Gegenüber besitzt.“
Thorvid lachte. „Das ist bei euch Bauern nicht anders. Ihr heiratet auch in Familien, die euch etwas mehr Besitz bringen.“
„Das schon“, gab Ulrik zu. „Aber meine Schwestern durften ihre Männer frei wählen. Und diese haben zu viel Angst vor mir, als dass sie sich trauen würden, sie schlecht zu behandeln.“
„Das wird auch mein Ziel sein“, gab Thorvid zu.
„Einen Mann frei zu wählen?“, scherzte Ulrik.
„Nein, dass mich die Männer um meine Schwester herum fürchten werden. Dass sie wissen, dass ich sie ohne zu zögern vernichten kann, sollten sie wagen, ihr oder mir im Weg zu stehen.“
Ulrik musterte Thorvid ausgiebig. „Ich habe keine Zweifel daran, dass dir das gelingen wird.“
„Wenigstens einer …“, erwiderte Thorvid amüsiert und lehnte sich auf die Reling. „Aber erst müssen wir den Wall überleben!“
„Keine Sorge, dabei werde ich dir helfen“, antwortete Ulrik und klopfte Thorvid auf die Schulter, bevor er ihn verließ, damit er seinen Gedanken nachhängen konnte. Und wieder kam der Prinz zum Entschluss, dass es nicht schaden konnte, einen Vollstrecker auf seiner Seite zu wissen. Ulrik war ein Mann, der gerne diente und nützlich war, ebenso wie er selbst. Vielleicht lag das daran, dass sie mittlere Kinder waren, die schnell zwischen den Ältesten und den Jüngsten untergingen. Thorvid hatte bereits im Orden gelernt, dass Vertrauen keine Schwäche war, auch wenn er vieles noch geheim hielt und selten ins Detail ging. Vielleicht ließ sich das Vertrauen irgendwie nutzen. Vielleicht konnte er fähige und gute Menschen sammeln, die ihm halfen, und er ihnen im Gegenzug half. Unabhängig vom Orden.
Thorvid lächelte. Vielleicht konnte er eine Art eigenen Orden gründen, der ihn näher an sein Ziel brachte und die Sicherheit seiner Schwester gewährleistete.

Etwas Zeit verging. Thorvid packte das Wenige, das er von Calera mitgenommen hatte und machte sich bereit, die Küste Goldbachs zu sehen. Sie würden in Goldport anlegen und von dort aus weiter südlich reiten. Selbst auf dem Pferd dauerte die Reise knapp drei Wochen bis zur Sonnenfeste. Sie konnten die Versorgungskarren nicht schutzlos zurückfallen lassen. Sie transportierten Erze, Nahrung, Fässer voll Wein, Medizin und Briefe an die Ritter; ein gefundenes Fressen für Räuber und Gesetzlose. Im Grunde die erste Prüfung, der sie sich die zukünftigen Ritter stellen mussten, auch wenn bereits erfahrene Beschützer mit ihnen unterwegs waren.

Noch vor Sonnenaufgang erreichten sie schließlich Goldport und legten mit insgesamt vier großen Schiffen an. Dabei handelte es sich bloß um rund ein Dutzend Rekruten. Der Rest war der Versorgung und der Pferde geschuldet, die mitgereist waren.
Ungewohnt still ritt Thorvid neben seinem Paladin her; immer mit Blick auf die vor ihm liegende Straße. Ein Gefühl machte sich in dem angehenden Bewahrer breit, dass viel Neues am Wall auf ihn warten würde.

Kapitel III ~/?x=entry:entry210705-091035 2021-07-05T09:10:35+00:00 2021-07-05T09:10:35+00:00

Es vergingen Tage und Wochen. Thorvid trainierte härter als manch anderer Rekrut und musste zudem bei Kerzenschein bis tief in die Nacht etliche Bücher wälzen. Richard wollte, dass er die Gesetze anderer Reiche lernte. Denn seit dem Tod des letzten Königs von Mittland schrieben die verbliebenen Herzöge ihre eigenen. Begonnen bei einfachen höfischen Sitten bis hin zu den Strafen bei Mord oder Diebstahl. Thorvid musste diese Dinge nicht nur lesen, er musste sie verinnerlichen. Denn jedes Gesetz, und jede Lücke in deren Gebilde, würden einem Bewahrer die Möglichkeit geben, passend zu reagieren. Der einzige Vorteil war, dass Thorvid viele der Adlige, die etwas zu sagen hatten, bereits kannte – zumindest namentlich. Morgens stand er auf dem Übungsfeld und abends verschwand er hinter einem Berg Büchern oder Schriftrollen. Thorvid sehnte sich innerlich nach Schlaf, aber diesen gönnte er sich nicht. Er konnte nicht. Teilweise vergaß er zu baden und zu essen, woran ihn aber seine Mitstreiter häufig erinnerten – vor allem an das Baden.
An diesem Morgen fuhr sich Thorvid müde über sein Gesicht, dass mittlerweile von einem brünetten Vollbart umrahmt wurde. Im Augenwinkel erkannte er, dass die Sonne bereits aufging. Gemächlich schob sich der helle Himmelskörper über den Rand der Welt und tauchte den Himmel in purpurfarbenes Licht. Sein Blick wechselte zu seinen Notizen, während im Hintergrund andere Rekruten aus ihren Betten stiegen.
„Hast du überhaupt geschlafen?“, wollte Ulrik wissen, nachdem er auf seinen Beinen stand.
„Ich glaube, ich bin zweimal eingenickt. Das muss wohl reichen“, erwiderte Thorvid und versuchte, seine eigene Schrift zu entziffern. Je müder er wurde, desto mehr verkamen die geschwungenen Buchstaben zu unleserlichem Gekrakel.
„Du wirst tot sein, bevor du nach Delyveih zurückkehren kannst“, kam von Robert aus der anderen Ecke des Zimmers.
Thorvid wandte sich ihm zu und erhob sich.
Während sich der Weißhaarige sein beiges Leinenhemd über den Kopf zog, nahm Thorvid seine Bücher zur Hand, die er noch vor dem Kampftraining Sir Richard zurückgeben wollte. „Keine Sorge, so einfach mache ich es euch nicht. Ihr werdet noch eine Weile mit mir haushalten müssen.“
„Deine Worte in Athans Ohr“, erwiderte Ulrik und öffnete die Tür in den Flur der Kaserne.
Thorvid richtete seine Kleidung und ging mit den anderen nach draußen. Der Prinz begab sich zu Sir Richards Haus, während die anderen das Übungsfeld ansteuerten. Als Paladin besaß Sir Richard ein eigenes kleines Anwesen auf der Insel. Es waren kein Palast, aber bot weitaus mehr Platz als ein einzelnes Zimmer.
Die schmalen Fachwerkbauten strahlten etwas Warmes aus, fand Thorvid, anders als die riesigen Bauten aus Stein, die er aus Delyveih kannte. Sir Richards Frau verzierte den Außenbereich des Hauses zudem mit Blumen und Kränzen, sodass es wirkte, als sei jeder bei ihnen willkommen.
Mit den Büchern vor der Brust klopfte Thorvid an die Tür des Paladins und hoffte, dass der alte Mann bereits auf den Beinen war.
Nach einem kurzen Moment des Wartens wurde die Tür geöffnet. Nicht von Richard selbst oder einem Kammerdiener, aber seine Ehefrau bat Thorvid herein. Ein paar Mal hatte er die Dame des Hauses bereits gesehen, die sich mit ihrem Mann die Leidenschaft des Essens offensichtlich teilte, auch wenn sie an die Formen ihres Mannes nicht heranreichte.
„Ist Euer Gatte bereits wach?“, fragte Thorvid, während Ingrid ihn musterte.
„Und Ihr seid es noch, wenn ich Euren Aufzug richtig deute …“, erwiderte sie und blinzelte ein paar Mal verwirrt.
„Ich lese … viel“, erklärte Thorvid und hoffte, dass das genug an Ausrede für sein Aussehen war.
Ingrid seufzte und schob sich eine weiße Haarsträhne hinter ihr Ohr. „Das kenne ich. Meine Kinder haben auch immer viel gelesen, sodass ich sie zwingen musste, abends die Kerzen zu löschen.“
Thorvid nickte. Er ersparte sich, zu erwähnen, dass er nicht der Vielleser seiner Familie gewesen ist. Das war mehr Arthurs Aufgabe.
Ingrid ließ nach ihrem Mann schicken, indem sie einem Kammerdiener Bescheid sagte. Sie selbst war sich nicht sicher, ob der Paladin bereits angekleidet war.
Thorvid wurde unterdessen von Ingrid in das Lesezimmer begleitet, vorbei an etlichen Familienporträts, zu denen sie allesamt etwas zu sagen hatte. Welcher Maler sie angefertigt hatte, welchen Verwandten es zeigte und wann die Bilder gemalt worden waren. Der Prinz merkte, wie all diese Details an seinen Ohren abprallten. Er war schlichtweg zu müde, um sich auch nur noch einen Namen merken zu können.
„Es ist schade, dass unsere Enkelin bereits verheiratet ist. Ihr wärt sicherlich genau nach ihrem Geschmack gewesen“, frotzelte Ingrid und schenkte Thorvid eine Tasse Tee ein, während beide auf Sir Richard warteten.
Thorvid gähnte. „Ja, das ist … bedauerlich. Ich meine, sie ist bestimmt eine … liebreizende Person.“
„Das ist sie. Und klug!“, fügte Ingrid an, während ihr Mann das Zimmer betrat.
„Thorvid?“, fragte Richard, und der Prinz machte gleich einen Schritt auf seinen Herrn zu.
„Eure Bücher, Herr. Ich bin mit ihnen fertig und … bräuchte neue.“
„Ihr seht nicht aus, als wären Bücher das, was Ihr braucht“, antwortete Richard und musterte Thorvid genauso wie seine Frau zuvor. „Ingrid, gib dem Jungen erstmal etwas zu essen.“
Jungen …?
Ingrid stimmte ihrem Mann zu. „Ich lasse ihm auch ein Bad ein. Er sieht aus wie ein Landstreicher und riecht, als wäre er gerade aus dem Bordell am Hafen gestolpert.“
„I… Ich versichere Euch, dass dem nicht so ist“, wehrte Thorvid den Vorwurf ab. „Und mir geht es gut. Ich hatte nur viel zu tun.“
„Solange Ihr nicht verheiratet seid, spricht nichts dagegen, das Bordell zu besuchen“, stellte Richard klar, was ihn aber einen skeptischen Blick seiner Frau einbrachte. Der Paladin räusperte sich und betrachtete Thorvid noch einmal genauer. „Habt Ihr überhaupt geschlafen?“
Thorvid dachte nach und gähnte zum zweiten Mal. „Schon … etwas. Zumindest waren meine Augen geschlossen gewesen … irgendwann … vor drei Tagen? Welchen Tag haben wir heute?“
Erst jetzt bemerkte er, dass er vollkommen das Zeitgefühl verloren hatte. Vermutlich wäre Thorvid erst etwas aufgefallen, wenn es zu schneien begonnen hätte. Er erinnerte sich an alle seine Lektionen, die Gesetze und Landesgrenzen, aber er konnte nicht sagen, in welchem Mondzyklus sie sich befanden, geschweige, welcher Tag es war. Nicht einmal seine letzte Mahlzeit hätte er benennen können.
„Erinnert Ihr Euch noch, was ich über Euren Geist gesagt habe?“, wollte Richard skeptisch wissen.
Thorvid nickte – wahrscheinlich etwas zu deutlich, denn sein Nacken tat ihm weh. „Ja, dass er in guter Verfassung sein sollte, und das ist er auch. Ich kann die Bücher beinahe auswendig.“
„So so. Und wie lange seid Ihr bereits auf Calera?“, fragte Richard als Nächstes.
Thorvid zählte nach. Er war sich nicht sicher, deswegen versuchte er gekonnt, der Frage auszuweichen. „Ich bin auf Calera?“, stellte er amüsiert die Gegenfrage. Jene wurde aber nur mit Schweigen bestraft. „Ich denke, ich bin seit zwei Mondzyklen hier. Beinahe drei“, antwortete Thorvid dann zögerlich.
Nicht einmal Ingrid sah von der Antwort begeistert aus. „Du solltest dem Bengel tatsächlich eine Frau suchen, Richard. Sie würde darauf achten, dass er ausreichend schläft und etwas zu essen bekommt.“
Bengel …? Weiß sie, dass ich ein Prinz bin?
Richard fuhr sich nachdenklich über sein Kinn, während ihm der Einwand seiner Frau ein Nicken abrang. „Ihr sollt nicht denken, Ihr sollt wissen!“, wies er Thorvid zurecht. „Ich schätze Euren Eifer, aber ein müder Geist ist ähnlich nutzlos wie ein schwacher. Was nutzt Euch Euer Wissen, wenn Ihr den Tag des Empfangs bei Eurem Herzog aus Schlafmangel vergesst, an dem Ihr Euren sorgfältig geschmiedeten Plan ausführen könntet? Was, wenn der Plan sich spontan ändert? Wärt Ihr jetzt noch in der Lage dazu, einen neuen zu schaffen?“
Thorvid fiel keine Ausrede ein. Er musste sich eingestehen, dass er am Rande seiner Kräfte angelangt war. Er wehrte sich nicht einmal dagegen, dass Ingrid von Seeheim ihm eine Frau aufbinden wollte. Zu seinem Glück war die Enkelin vergeben, denn vermutlich hätte Thorvid in seiner Verfassung erst die Eheschließung bemerkt, nachdem das dritte Kind geboren war. „Nein, Herr“, gab er daher kleinlaut zu.
„Ruht Euch aus! Esst genug, und bei den Göttern, wascht Euch regelmäßig! Ihr seht aus, als wolltet Ihr Xhars Fliegen eine Heimat bieten!“, fuhr Richard fort.
„Ich richte ihm das Zimmer unseres Sohnes her. Wenn er gegessen und gebadet hat, soll er sich dort ausruhen“, fügte Ingrid hinzu. „Immerhin ist das Auftreten eines Bewahrers genauso wichtig, wie sein Wissen. Seine Kleidung taugt allemal nur noch für das Feuer.“
„Das ist wirklich freundlich, danke“, antwortete Thorvid und verneigte sich.

Ingrid ließ alles herrichten, und Thorvid war dankbar dafür. Vor allem, da er bei seinem Bad nicht in einem alten Waschzuber sitzen musste, in dem vorher etliche andere Anwärter gesessen hatten. Die Wanne des Paladins war groß genug, sodass Thorvid seine Beine ausstrecken konnte, und das Wasser war so warm, dass es seine Müdigkeit nur noch verstärkte. Erschöpft schloss er seine Augen und er hoffte, dass er nicht schon an Ort und Stelle einschlief. Immer wieder ging er in Gedanken das Erlernte durch und fühlte sich beinahe schlecht, dass seine Kameraden auf dem Feld standen, während er sich erholte.
Urplötzlich wurde Thorvid aus seinen Gedanken herausgerissen, nachdem eiskaltes Wasser über seinen Kopf geschüttet wurde. Er sog scharf Luft ein und war kurz davor gewesen, aufzuspringen. „Bei Athan … was soll das?“, stieß er erschrocken aus und saß prustend in der Wanne.
„Eine Erinnerung daran, dass ein müder Geist unaufmerksam und angreifbar ist“, belehrte Richard ihn und kam grinsend um die Wanne herum. „Wollte ich Euch Böses, wäre es kein Wasser gewesen, dass Euch überrascht hätte! Bleibt wachsam - und daher ausgeruht!“
„Ihr wolltet mir nichts Böses? Mein Herz wäre beinahe stehengeblieben“, verteidigte sich Thorvid. „Was macht Ihr, wenn ich im Zimmer Eures Sohnes ruhe? Springt Ihr dann aus dem Schrank heraus? Und ich warne Euch, macht das lieber nicht.“
Richard lachte. „Nein, eine Lektion genügt, nehme ich an. Jedenfalls schätze ich Euch so ein.“ Der Paladin stellte einen zweiten Eimer Wasser neben sich, in dem warmes Wasser zu sein schien. „Außerdem verbringe ich auch als alter Ritter meine Nächte lieber neben meiner Frau als bei einem stinkenden Bengel.“
Thorvid atmete tief durch, um den Schreck zu verarbeiten und musterte danach seinen Herrn. „Wie ist es …“, setzte er dann zögerlich an, „verheiratet zu sein?“ Die Frage war nichts, was unbegründet über seine Lippen kam. Denn da Richard für Thorvid verantwortlich war, oblag es auch dem Paladin, eine Frau für seinen Rekruten oder späteren Ritter zu finden. Thorvid war noch keine einundzwanzig, deshalb übertrug sich seine Vormundschaft von selbst auf denjenigen, der sich seiner angenommen hatte. Sein Vater hatte, da sich Thorvid auf Calera befand, dahingehend nicht mehr viel zu sagen. Nicht, dass Raik es je getan hätte, denn wichtig war nur die Verbindung seines Bruders gewesen. Des Thronerben.
„Oh, wenn Ihr Glück habt, und ebenso eine Seele zur Frau bekommt wie ich, dann wunderbar“, gestand Richard lächelnd.
Thorvid nahm das nickend zur Kenntnis. Aber das Bild eines Ehemannes und Vaters wollte nicht so recht zu ihm passen. Nicht in seiner Vorstellung. Viel wahrscheinlicher war für ihn, dass er ewig im Dienst des Ordens umherstreifen würde. Selbst dann, wenn er Heinrich in die Knie gezwungen hätte. Er hatte nicht das Gefühl, dass die Götter wollten, dass er zur Ruhe kam.
„Habt Ihr denn eine Dame, die Ihr heiraten wollt?“, hakte Richard nach, und Thorvid schüttelte seinen Kopf. „Nein. Frauen standen bisher nicht auf der Liste der Dinge, die ich zu erledigen hatte. Was nicht heißt, dass es nicht die ein oder andere im Schloss gegeben hätte, die … Nein, es gibt keine, die ich heiraten wollen würde.“
„Verstehe. Dann lasse ich Euch jetzt ausruhen – diesmal wirklich. Wehe Ihr ertrinkt.“
Das rang Thorvid ein erneutes Lachen ab. „Wir Nordmänner ertrinken nicht! Wir werden schwimmend geboren.“

Kapitel II ~/?x=entry:entry210521-081416 2021-05-21T08:14:16+00:00 2021-05-21T08:14:16+00:00

Erneut war etwas Zeit vergangen, und noch immer wartete Thorvid darauf, von einem Ritter als Rekrut angenommen zu werden. Die Zeit, die er als Knappe hätte verbringen müssen, war für ihn vorbei, weswegen er vielmehr ein Anwärter für einen Titel war. Es war für den Prinzen seltsam, Befehle von jüngeren Männern anzunehmen, aber da die meisten ihren Ritterstand bereits mit achtzehn erlangt hatten, standen diese Männer über dem Prinzen. Und irgendwie musste Thorvid zugeben, dass das nicht ganz unberechtigt war. Thorvid schmerzte jeder Knochen. Das Training, das er tagtäglich bestreiten musste, war hart. Es unterschied sich grundlegend von den Übungen, die er als Prinz hinter sich gebracht hatte. Während man bei einem Schwertkampf im Schloss irgendwie noch auf Eleganz geachtet hatte, schlugen die Rekruten bei den Rittern teils aufeinander ein wie wildgewordene Argul. Natürlich besaß alles seinen Sinn und Zweck, aber trotzdem waren die jungen Männer getrieben davon, ihr Gegenüber zu Fall zu bringen, kostete es, was es wollte. Hier schenkte sich niemand etwas.
Plötzlich trat Ulrik vor den Prinzen und schaute auf ihn hinunter. Der Hüne verdeckte dabei die Sonne und spendete Thorvid etwas Schatten.
„Beweg dich bitte nicht vom Platz“, flehte Thorvid geradezu und nahm noch einen großen Schluck Wasser aus seinem Lederbeutel.
„Ist das Blaublut schon müde?“, wollte Ulrik wissen, und Thorvid konnte ein Lächeln in der Stimme vernehmen.
Thorvid schüttelte seinen Kopf. „Ich bin Xhar näher als Athan“, erwiderte er und bekam von Ulrik eine helfende Hand gereicht. Thorvid ergriff sie und ließ sich auf die Beine helfen. Beide überblickten dann das Übungsfeld, das von einem Holzzaun eingezäunt war. Der Boden war vom letzten Regen aufgeweicht, die Luft dadurch ungemein schwül, und alle sahen aus wie sich suhlende Schweine. Von Eleganz konnte hier keineswegs die Rede sein.
Beide Rekruten standen schweißnass und dreckig am Rand und waren fertig für diesen Tag. Zumindest mit den Kampfübungen. Ein weiterer Anwärter aus Thorvids Gruppe gesellte sich zu ihnen, der auch besser gelaunt schien als der Prinz. „Zeit für ein Bad“, verlautete Robert und strich sich etwas Schlamm aus seinem weißblonden Haar. Thorvid kam nicht umhin, zu bemerken, dass der junge Mann sich lieber etwas davon in sein Gesicht hätte streichen sollen. Roberts Gesicht war so rot von der Sonne und den Übungen, dass er aussah, als litt er unter hohem Fieber. Aber alle wussten mittlerweile, dass es bei ihm ein alltäglicher Umstand war. Ulriks etwas dunklerer Teint widerstand der Sommersonne wesentlich besser.
Thorvid atmete tief durch und bejahte Roberts Vorschlag. Ein Bad klang gut. Aber bevor es dazu kam, hörte der Prinz die Stimme von Richard über den Platz schallen. Der Paladin rief nach ihm, was Thorvid ein Seufzen entlockte. Begleitet vom Lachen seiner Mitstreiter setzte er sich in Bewegung und ging auf den Paladin in der Ferne zu.
„Wie läuft das Training?“, wollte Richard wissen und grinste spitzbübisch, während Thorvid sich ihm näherte.
Der Prinz warf einen Blick zurück und schaute den alten Mann dann wieder an. „Ich bin mir noch uneins darüber, ob wir trainiert oder umgebracht werden, aber bisher stehe ich noch.“
„Jeder so, wie er es verdient“, erwiderte Richard und zupfte an seinem Schnurrbart herum. Ein musternder Blick wanderte unterdessen über Thorvid. „Ich habe gehört, Ihr sucht immer noch nach einem Ritter, der sich Euer annimmt.“
Thorvid nickte. „Das tue ich.“
„Nun, ich denke, ich könnte das tun. Sofern Ihr einen alten Bewahrer akzeptiert, natürlich.“
Thorvid zog überrascht seine Brauen hoch. Sir Richard wollte ihn an seiner Seite haben? Gegen einen alten Paladin war nichts einzuwenden. Vielleicht würde er an dessen Seite auch irgendwann wieder schmerzfrei laufen können. „I… Ich habe keine Einwände … Herr.“
Richard grinste erneut, was wohl daran lag, dass Thorvid ihn gleich als seinen Herrn annahm. „Sehr gut“, stimmte der Paladin zu. „Dann hoffe ich, Euer Geist ist in besserer Form als Euer Körper.“
„Ich hoffe, dass beides irgendwann in angemessener Verfassung sein wird“, erwiderte Thorvid, da er sich im Klaren darüber war, dass er ansonsten am Wall nicht lange überleben würde, sollte dort etwas geschehen.
Richard lachte, wobei Thorvid wieder einmal auffiel, dass dabei der ganze Körper des Bewahrers zu beben schien, was ihm selbst ein Lächeln entlockte.
„Das ist der Plan“, fuhr Richard fort. „Aber als zukünftiger Bewahrer wird es Euer Geist sein, der gefordert ist.“
„Wenn Ihr denkt, dass das mein Weg sein könnte“, sagte Thorvid. „Meine Stellung in Delyveih war zuvor eine … etwas andere.“
Richard musterte ihn erneut. „Ja?“, fragte er dann. „Was war Eure Stellung?“
Thorvid zögerte mit seiner Antwort. Er wusste nicht, wie viel er von Delyveih preisgeben sollte, allerdings hatte er auch keinen Grund, es vor seinem neuen Herrn geheimzuhalten. Einige Andeutungen hatte er ohnehin schon gemacht. „Ich war weniger der Prinz, der in der Öffentlichkeit stand, ich war … mehr der Kammerdiener, der … für saubere Zimmer sorgte.“
Das in Kombination mit dem, was er dem Paladin bereits erzählt hatte, würde wohl das Bild des Prinzen erweitern.
„Also doch ein Bewahrer“, entgegnete Richard und zupfte noch einmal an seinem Bart.
Ja, Thorvid hatte gehört, dass auch Bewahrer den Dreck wegschafften, wenn es erforderlich war. Dass sie es oft waren, die einen Thron neu besetzten, wenn es sein musste, allerdings gab es für Thorvid einen gravierenden Unterschied. „Ich arbeitete allerdings allein“, fügte der Prinz hinzu. „Im Orden scheint das nicht immer der Fall zu sein. Deswegen bin ich hier. Ich denke nicht, dass ich das Kommende alleine schaffen werde.“
„Hier werdet Ihr alle Unterstützung finden, die ihr benötigt“, versicherte ihm Richard. „Was genau habt Ihr vor?“
„Ich muss einen Herzog loswerden“, gab Thorvid trocken zu und verfinsterte seinen Blick.
„Einen Herzog?“, wiederholte Richard überrascht. „Nun, ich hoffe, es gibt einen guten Grund dazu. Der Orden ist schließlich nicht dazu da, Konkurrenten um die Krone Eures Vaters auszuschalten!“
Thorvid lachte leise. „Nein, es ist kein Konkurrent, ganz im Gegenteil. Und ja, es gibt einen Grund. Er ist der zukünftige Ehemann meiner Schwester. Allerdings sterben alle seine Frauen oder verschwinden. Die letzte Ehefrau wurde vor ein paar Wochen öffentlich hingerichtet. Eine junge Frau im Alter von fünfzehn Jahren. Angeblich habe sie den Herzog betrogen, aber … wenn es stimmt, was leise Stimmen flüstern, kann man es ihr wohl kaum nachtragen.“ Thorvid atmete tief durch. „Irgendetwas stimmt dort nicht. Ich habe nicht vor, etwas Unrechtes zu tun. Es könnte meinen Vater vielmehr die Krone kosten, wenn Heinrich von Kosse verschwindet. Deswegen könnt Ihr Euch vorstellen, dass mein Rückhalt in Delyveih etwas zu wünschen übrig lässt.“
„Verstehe …“, sagte Richard nachdenklich. „Dann sorgen wir erst einmal dafür, dass Ihr Eure Tätowierung erhaltet. Und dann kümmern wir uns um Euren Herzog.“
Thorvid nickte. „Danke … Herr.“ Seine Worte waren ehrlich. Ohne den Orden hätte er nicht gewusst, was er tun sollte, außer, den Herzog einfach zu töten. Allerdings ahnte er, dass das nicht die beste Idee war. Es musste einen anderen Weg geben. Einen, der seinen Vater nicht noch die Krone kosten würde, nur weil der noch fehlende Fürsprecher starb. Er musste sich in Geduld üben und hoffen, dass in der Zwischenzeit die Götter über seine Schwester wachten.

Kapitel I ~/?x=entry:entry210424-121801 2021-04-24T12:18:01+00:00 2021-04-24T12:18:01+00:00

Blut tropfte auf den sandigen Boden. Sein schwerer Atem stob den Dreck vor sich in alle Richtungen und er hatte alle Mühe damit, noch scharf sehen zu können. Der letzte Schlag hatte gesessen! Trotzdem rappelte Thorvid sich auf und spuckte auf den Boden. „Da wurde ich von meiner Mutter schwerer verprügelt …“, nuschelte er, während er spürte, wie seine Oberlippe anschwoll.
„Der yveihische Prinz hält ganz schön was aus“, meinte einer der Rekruten, die Thorvid zeigen wollten, wohin ein Adliger seiner Art gehörte.
Thorvid war der erste Nordmann, der sich auf die Insel Calera begeben hatte, um ein Ritter zu werden und nichts in dieser Welt würde ihn davon abhalten, sein Ziel zu erreichen. Selbst dann nicht, wenn ein paar andere Rekruten versuchten, ihm das blaue Blut aus den Adern zu prügeln.
Auch wenn er es gerne anders gesehen hätte … Er war nicht ganz unschuldig an dieser Auseinandersetzung. Es gab Momente, in denen es wohl besser war, seinen Mund zu halten.
Ulrik, ein Rekrut in Thorvids Alter, würde sicherlich zu einem Vollstrecker werden. Seine Größe und Muskelkraft sowie seine stoische Art, Schmerzen zu ertragen, sprachen dafür. Aber es war vielleicht falsch gewesen, ihm zu unterstellen, dass ihm für alles andere auch der Scharfsinn fehlte – selbst wenn es stimmte. Ulrik fehlte anscheinend ebenso die nötige Toleranzgrenze, solch einen Kommentar zu überhören.
Thorvid atmete tief aus. Er war seit drei Tagen auf der Insel und noch war er nicht getestet worden, ob er in den Reihen der Ritter aufgenommen werden würde. Man hatte ihm ein Zimmer gegeben, in dem er mit anderen Rekruten schlafen musste. Das war ihm fremd. Im Schloss von Yveih hatte er stets seine eigenen Gemächer besessen. Jetzt schlief er inmitten anderer junger Männer. In diesem Zimmer stank es erbärmlich, und das kleine Fenster reichte kaum aus, es ordentlich zu belüften. Ulrik schnarchte und Robert, ein anderer Rekrut, schrie manchmal nachts oder wanderte stundenlang durch die finsteren Straßen Caleras. Durch die alten Holztüren der Kaserne weckte er alle bei seiner Rückkehr.
Thorvid schloss seine Augen und atmete noch einmal tief ein und aus. In diesem Moment stürmte Ulrik erneut auf ihn zu und riss Thorvid um. Auf ihn sitzend, schlug Ulrik mehrfach auf ihn ein und … Thorvid öffnete seine Augen und sah Ulrik noch vor sich stehen, als sei nichts geschehen. Seine Vorahnungen halfen ihm stets, zu wissen, was als Nächstes passieren würde. Ein Talent, das ihm seit seiner Geburt begleitete und für das er den Göttern dankbar war.
Als Ulrik sich tatsächlich angriffslustig auf ihn zu bewegte, wand sich Thorvid blitzschnell an dessen massigen Körper vorbei, trat ihm in die Kniekehle, sodass Ulrik vor ihm hinfiel und er nahm ihn dann in den Schwitzkasten. „Du bist nicht der erste Hüne, gegen den ich kämpfe“, meinte Thorvid, dessen ältere Brüder auch allesamt größer waren als er.
Ulrik spannte seine Nackenmuskeln an, lachte leise und erhob sich einfach.
Mit großen Augen wurde Thorvid hochgehoben, da er sich weiterhin am Hals des Rekruten festhielt. Er spürte, wie seine Füße in der Luft baumelten, während der Rest der Gruppe, die den Kampf beobachten, in lautem Gelächter ausbrachen. „Einigen wir uns auf ein Unentschieden?“, fragte Thorvid, während Ulrik hinter sich fasste und ihn über sich warf. Staub und Dreck wurden durch den Sturz aufgewirbelt, sodass der Prinz kaum etwas sehen konnte. Er befürchtete in diesem Moment das Schlimmste. Einen Stiefel, der auf ihn zukam oder eine Faust, die sich durch den schmutzigen Nebel bohrte … aber nichts geschah.
Erst nachdem sich der Dunst gelegt hatte, erkannte Thorvid, warum Ulrik innehielt. Ein Paladin des goldenen Banners stand neben der Gruppe; er musterte alle Anwesenden. „Was genau ist hier los?“, wollte Sir Richard von Seeheim wissen und zupfte abwartend an seinem weißen Schnauzbart.
„Der neue Rekrut unterstellte Ulrik, er sei etwas … minderbemittelt“, sagte einer aus der herumstehenden Gruppe, und Thorvid rappelte sich auf.
„Das stimmt nicht ganz“, dementierte Thorvid den Vorwurf. „Minderbemittelt ist er bei weitem nicht. Immerhin hebt er andere hoch, als seien sie ein Sack Federn.“
„Und was ist dann die Wahrheit?“, wollte der Paladin wissen und verschränkte erwartungsvoll seine Arme vor sich, die damit seinen leichten Bauchansatz kaschierten.
„Als die Gruppe meinte, Ulrik würde sicherlich ein Vollstrecker werden, dem ich absolut zustimme, meinte ich lediglich, dass es zu einem Beschützer und Bewahrer auch etwas mehr Scharfsinn braucht.“
Bei der Wiederholung seiner Worte machte Ulrik erneut einen Schritt auf Thorvid zu, aber der Hüne wurde vom rechten Arm des Paladins davon abgehalten, noch einmal auf den Prinzen einzuschlagen.
„Euer Scharfsinn ist dann aber auch nicht sehr ausgeprägt, wenn Ihr dies in der Nähe eines Mannes wie ihm sagt“, ergänzte Sir Richard und grinste verschlagen in die Gruppe. Diese begann erneut zu lachen, und Thorvid wischte sich mit dem Ärmel seines beigen Gewands das Blut aus dem Gesicht. Wobei er es vermutlich nur noch mehr verteilte, anstatt es zu beseitigen.
Der Prinz sah auf und musste einsehen, dass das wohl eine passende Lektion gewesen war. „Dem stimme ich zu“, antwortete Thorvid und sah Ulrik an. „Ich möchte mich bei Euch entschuldigen“, fuhr er dann fort, woraufhin Ulrik ihn erstaunt ansah. „Es stand mir nicht zu, Eure Intelligenz infrage zu stellen.“
Thorvid musste sich ins Gedächtnis rufen, dass er nicht da war, um Ärger zu machen. Er war beim Orden, um nach Unterstützung zu suchen. Während er sich prügelte, war seine Schwester irgendwo in Mittland unterwegs und musste ein Leben fristen, das niemals einer Prinzessin gerecht werden würde. Vielleicht war es auch die Sorge um sie, die ihm den Schlaf stahl … Sie war erst fünfzehn und weitestgehend schutzlos dem einfachen Leben ausgesetzt. Er hatte ihr zur Flucht verholfen, damit sie Heinrich von Kosse nicht heiraten musste, der seine letzte Frau auf dem Schafott hatte enthaupten lassen. Eine junge Frau, die das warme Bett einer Wache dem des älteren Herzogs vorgezogen hatte.
Thorvid musste so schnell es ging wieder nach Mittland und die Fährte seiner Schwester aufnehmen. Er musste wissen, ob es ihr gutging. Er durfte seine Zeit nicht verschwenden!
„Wie lange genau muss ich warten, bis mich jemand testet?“, wechselte der Prinz daher das Thema und sah den Paladin herausfordernd an.
„Oh, wenn Ihr wollt, prüfe ich Euch sofort. Aber da ich nicht annehme, dass Ihr hier seid, um den Bauern des Ordens als Knecht zu dienen, würde ich an Eurer Stelle warten, bis Ihr Euch zumindest in den Ansätzen wie ein Ritter verhalten und die Tugenden des Ordens aufrecht erhalten könnt. Geduld ist eine dieser Tugenden, Prinz“, erwiderte Sir Richard mahnend.
„Geduld ist etwas, das ich mir nicht leisten kann“, spie Thorvid durch zusammengebissene Zähne empor. Er verstand das alles nicht. Er hatte bei seiner Ankunft dem Orden dargelegt, was er sich hier erhoffte. Das die Zeit drängte, und doch ließen sie ihn warten.
„Geduld ist etwas, das Ihr Euch leisten müsst!“, widersprach der Paladin und setzte sich in Bewegung. Mit einer Handbewegung machte er deutlich, dass Thorvid ihm folgen sollte.
Etwas überrascht von der Aufforderung setzte sich Thorvid in Bewegung, aber nicht ohne direkt an Ulrik vorbeizugehen und diesem ein Mal gegen den Oberarm zu klopfen. „Das setzen wir dann … später fort“, nuschelte er Ulrik zu und ließ ihn einfach stehen. Schneller Schritte holte er den Paladin ein.
„Ist das Eure Idee von Geduld?“, wollte Sir Richard amüsiert wissen, der anscheinend Thorvids Worte gehört hatte.
Thorvid sah zur Gruppe zurück und schluckte trocken. Er machte sich keine Hoffnungen, gegen den Hünen bestehen zu können, aber irgendwie hatte ihn die Auseinandersetzung auch etwas abgelenkt. Beinahe Spaß gemacht. „Was das angeht, könnte ich jedwede Geduld aufbringen“, gab er zu, da er keinerlei Interesse daran besaß, noch einmal die Faust im Gesicht zu spüren.
„Immerhin ein Anfang“, gestand ihm der Paladin zu. „Jetzt müsst Ihr dasselbe nur auch bei Eurer Schwester tun. Wie war ihr Name? Iouna?“
Thorvid nickte und atmete tief durch. „Ich weiß nur nicht, was sie gerade macht. Ob sie in Gefahr ist oder …“
„Das wissen nur die Götter. Selbst die Bewahrer wissen nicht alles“, schien ihn der Paladin beruhigen zu wollen.
„Ich hoffe das Beste …“, murmelte Thorvid, der nichts anderes tun konnte als das.
Der Paladin führte den jungen Mann die Treppen zur Außenmauer hoch, an der er nach ein paar Schritten stehenblieb und auf das offene Meer hinaussah, während sich die Sonne dem Horizont näherte. „Nun, das ist nicht zu übersehen“, bestätigte Sir Richard. „Die Frage ist, ob Eure Entscheidungen das Beste für sie waren … oder für Euch?“
Thorvid lachte kurz auf. „Für mich wohl kaum. Ich verrate meine Sippe, indem ich hier bin. Sie halten ungefähr so viel von den Rittern, wie die Ritter von den Argul. Ich habe meine Schwester so gut vorbereitet, wie es mir möglich war … Ich …“ Thorvid folgte dem Blick des Bewahrers, während dieser ihn aus dem Augenwinkel kurz ansah. „Ich tue das für alle, aber sicherlich nicht für mich.“
Ein Grinsen huschte über das Gesicht des Paladins.
„Da könnte ich es mir einfacher machen“, gestand Thorvid zuletzt, woraufhin Sir Richard ihn skeptisch musterte.
„Und warum tut Ihr das Gegenteil? Macht es Euch schwerer, und Ulrik zum Feind, kaum dass Ihr hier seid?“, verlangte der Paladin zu wissen.
„Na ja … Ulrik und ich profitieren doch beide von solch einer Auseinandersetzung. Oder nicht?“, stellte Thorvid klar, was den Blick des Paladins an Skepsis gewinnen ließ. „Ich beweise, dass ich selbst nach harten Schlägen noch stehe und grinse, und Ulrik, dass er vermutlich das kräftigste Kerlchen ist, das hier herumläuft. Der nächste Rekrut wird sich überlegen, ihn herauszufordern und ein Vollstrecker wird vielleicht auf ihn aufmerksam.“
„Wir werden sehen, ob Ihr davon profitiert“, meinte Sir Richard grinsend.
Dem Prinzen war klar, dass sein Anblick in den Reihen der Ritter ein seltener war. Um sich anzupassen, hatte er bereits seinen brünetten Zopf in seiner Heimat gelassen. Das Haar, das ihm einst bis zur Hüfte gereicht hatte, hatte er mit einer Klinge gekürzt. Er wollte nicht sofort als Nordmann entlarvt werden. Seither schmückte ein kurzes Haupthaar seinen Kopf und geradezu kahle Seiten. „Ich muss schneller lernen als andere. Das ist meine Anforderung an mich selbst, aber ich habe das Gefühl, dass ich erst … begutachtet werde. Vor allem, da ich aus Delyveih stamme“, versuchte Thorvid, sich zu erklären.
„Jeder wird hier begutachtet. Es ist nur selten, einen Nordmann auf Calera zu sehen, daher …“ Sir Richard zuckte mit seinen Schultern und wandte sich ihm zu. „Es macht keinen Unterschied, dass Ihr ein Prinz seid, also wird es auch keinen machen, in welchem Herzogtum Ihr geboren wurdet. Und wenn Ihr lernen wollt …“
Auch Thorvid sah den älteren Herren an. „Ich wurde wie ein Prinz erzogen, fühlte mich aber nie wie einer. Eigentlich … habe ich mit den Rittern mehr gemeinsam als mit meinen Geschwistern, deswegen bin ich hier.“
„Vielleicht mit den Rittern, wie sie Euch im Palast von Yveih nähergebracht wurden, aber von einem Bewahrer seid Ihr weit entfernt.“
Wieder musste Thorvid lachen. Wahrscheinlich war die Darstellung der Ritter in Delyveih tatsächlich eine andere, als es den Tatsachen entsprach, wenn auch nur unwesentlich. Er schaute auf die Gruppe Rekruten hinunter, die immer noch mit Ulrik an der Stelle standen, an denen sich beide geprügelt hatten.
„Das weiß ich. Ich weiß auch nicht, ob die Bewahrer mein Weg sein werden. Ich war nie gut darin … zu reden. Ich habe bereits mehr Menschen auf dem Gewissen, als die meisten anderen Rekruten hier. Ich weiß nicht, ob das die meisten Anwärter dieses Amtes von sich behaupten können.“
Sir Richard drehte sich zu Thorvid um und begutachtete ihn. „Nun … wie Ihr vorhin eindrucksvoll bewiesen habt, werdet Ihr kein Vollstrecker.“ Er grinste verschlagen. „Als Beschützer könnte ich mir Euch vorstellen, aber … nein. Zu reden ist nicht das Wichtigste als Bewahrer.“
Das war Thorvid neu. Er dachte die ganze Zeit, diese Art Ritter würde nichts anderes tun. Wieder etwas, das er anscheinend lernen musste. Nichts war gänzlich das eine oder das andere. Nicht alles nur schwarz oder weiß …

Bald ist es soweit! ~/?x=entry:entry210423-095544 2021-04-23T09:55:44+00:00 2021-04-23T09:55:44+00:00

Bald können wir Euch das erste Kapitel zu “Wiederkehr der Götter - Der Aufstieg des Prinzen” präsentieren.

Die Kapitel beinhalten Zeitsprünge und sind nicht als richtige Geschichte/Buch zu verstehen. So bleibt natürlich einiges im Dunklen, für den Fall, dass Leser die Bücher noch nicht kennen. Aber natürlich geht es nicht ganz ohne Spoiler, weswegen jeder Leser selbst entscheiden muss, ob er hier liest. Diejenigen, die unsere Bücher kennen, wird das eine oder andere Kapitel sicherlich auch ein Lächeln entlocken, wenn wir Thorvid auf seinem etwas eigenen Weg verfolgen. Es gibt neue Charaktere, neue Orte und einiges findet sich dann auch in den richtigen Büchern wieder. Wir hoffen, Euch gefallen die Kapitel. Btw. die Kapitel sind unlektoriert, da sie als kleines Geschenk oder Einblick gedacht sind. Also zeigt Erbarmen, falls sich irgendwo der Fehlerteufel eingeschlichen hat. Sie entstehen neben den Hauptbüchern, und jeder kennt ja das Spiel mit der Zeit …
Wie viele Kapitel es pro Monat geben wird, ist etwas von unserer Freizeit abhängig. Wir versuchen aber, 1-2 Kapitel im Monat zu schaffen. Wir informieren Euch natürlich über Instagram und Facebook. Vielleicht bleibt es so auch ein bisschen spannend …

Ansonsten wünschen wir Euch gute Unterhaltung.

Falls jemand etwas zu den Kapiteln sagen möchte, steht es Euch jederzeit frei, zu kommentieren. Wir würden uns freuen.

viele liebe Grüße

P.J. Lehmann